Radreise - 4. Tag

Radreise

Fotos: Papoulias/Biber

Klöster, Kühe, Katastrophen

... oder: Der Schrecken von Tölz

Bad Kohlgrub – Schliersee, 85 km, 510 Höhenmeter

In der Nacht hat es Regen gegeben – die Plastikmöbel und der künstliche Rasen auf meinem Zimmerbalkon sind klatschnass. Zum Glück habe ich gestern abend trotz bleierner Müdigkeit noch meine „schnellgereinigten“ Klamotten reingeholt (Rei in der Tube hat übrigens ungeahnte Waschkräfte!) – hoffe, die Jungs haben’s nach dem Besuch beim „Ludwig“ nicht vergessen...

Und wen sehe ich, als ich später in den Frühstücksraum (der aussieht, als gehöre er zum Wohnbereich der Krippners) komme? Die nette, fröhliche Bedienung von gestern! Mit einem kleinen Knirps im Arm, den sie mir mit unverändert guter Laune als ihren neun Monate alten Sohn Dennis vorstellt – und sich selbst als Tochter des Hauses! Na, sowas...! Über unseren Mami-Plausch kommen Atha und Olli zum Frühstück, und während wir Kaisersemmeln mampfen, bietet die nette Frau Krippner (senior) an, die triefend nassen Klamotten der beiden – beim „Ludwig“ war’s halt doch spät geworden – schnell in den Trockner zu stecken: „Dann ham’s oalls glei fertig zum Mitneama!“

Um zehn steigt Olli dann wie geplant in den Zug, während Atha und ich uns in die Sättel schwingen. Knapp 13 Kilometer sind’s bis Murnau, und es geht tatsächlich fast nur bergab – welch Wonne am Morgen! Müßig zu erwähnen, dass sich die nächtlichen Regenwolken längst verkrümelt haben. Und so lernen wir ein weiteres wunderschönes Städtchen bei strahlendem Sonnenschein kennen. Der Radladen ist dank Athas Navi schnell gefunden und Ollis Felge von den Profis flugs mit neuem Schlauch und Mantel versehen. „Hach, was ein gutes Gefühl“, schwärmt Olli beim „Warmfahren“ ortsauswärts.

Da Murnau nicht auf dem ausgewiesenen Bodensee-Königssee-Radweg liegt und wir keine Lust haben, das Stück bis nach Grafenaschau zurückzustrampeln, wo wir wieder auf die Route stoßen würden (laut Karte hätten wir es dann auch wieder mit einer „Kfz-freien Wegstrecke“ zu tun, und diesmal würde garantiert mein Bruder platzen), fahren wir alternativ über die Landstraße Richtung Kochel am See. Offenbar ist diese Variante sogar kürzer als die über den Radweg, allerdings leider auch erstmal ziemlich steil und befahren, zumindest teilweise.  In Schnait haben wir unsere Schildchen dann wieder, und es folgt eine herrliche, ebene Strecke mit sagenhafter Aussicht. Wir fahren an Kochel am See vorbei und nehmen Kurs auf Benediktbeuren, den Ort mit dem berühmten Kloster. Statt bei Don Boscos Salesianern kehren wir jedoch in einem netten Biergarten ein, und während wir uns an Gurkenkaltschale mit Matjes beziehungsweise Topfenknödeln mit Marmelade und Sahne (...oder sollten es meine Hormone sein?) laben, ziehen fette, dunkle Regenwolken heran. Binnen Minuten gießt es wie aus Kübeln, und wir rücken unter dem Sonnenschirm zusammen, der seinen Aushilfsjob zum Glück zuverlässig erledigt. Am Nebentisch sitzen zwei Männer, deren bepackte Trekkingräder ebenfalls auf „was Größeres“ schließen lassen. Wir kommen ins Gespräch, und es stellt sich heraus, dass die beiden die Tour in umgekehrter Richtung fahren. Irgendwann landen wir beim Thema Schotterpisten. „Ja, da haben wir auch schon was hinter uns“, meint der eine, „da habt ihr mit dem Rennrad keine Chance. Mit dem Mountainbike geht das so gerade eben.“ Ehe sich unser Lunch im Magen umzudrehen beginnt, reicht uns der Kollege eine Karte rüber: „Hier könnt ihr mal gucken, wo die fiesen Stellen sind.“ Wir beugen uns über das Werk und entdecken mehrere Teilstücke des Radweges, die hier – anders als auf unserer Karte – durchge“ixt“ sind. „Wisst ihr was, die markieren wir jetzt auf unserer Karte und fahren da alternativ über Landstraße“, meint Atha und macht sich direkt an die Arbeit.

Wenig später lässt die Sonne die Regenfäden erst glitzern und schließlich ganz verschwinden, wir verabschieden uns von den Radelgenossen und strampeln unter einem Regenbogen die dunstige Straße aus Benediktbeuren heraus. Wir kommen durch Bad Heilbrunn und peilen Bad Tölz als nächste größere Station an. Steigungen gibt’s einige auf dem Weg, aber sie halten sich im Rahmen – was heftiger ist, ist die nach wie vor extrem dampfige Après-Regenguss-Luft, und bei der nächsten Trinkpause legt Atha mir einen Wet-T-Shirt-Contest nahe (während ich meine Flasche auf die Sportwäscheindustrie erhebe). Zur besten Kaffeezeit haben wir dann Bad Tölz – und damit den nächsten Landkreis, TÖL – erreicht. „Lasst uns hier ein schönes Eiscafé suchen“, schlägt Olli mit etwas seltsamem Unterton vor. Und so überqueren wir die Isar hin zum Stadtkern, der durch seine wunderschöne, breite Fußgängerzone mit den herrlichen Häusermalereien begeistert. Zudem feiert Bad Tölz in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag. Wir setzen uns vor eines der vielen Cafés, und in mir kommt gerade echtes „Urlaubsfeeling“ auf, als Olli bedrückt verkündet: „Ich werde die Tour hier abbrechen. Es geht einfach nicht mehr mit meinem Magen. Ich dachte, es würde besser, aber seit heute mittag ist es nur noch schlimmer geworden.“ Wumms! Atha und ich sitzen mit offenen Mündern da. Das darf doch nicht wahr sein?! Nach dem ersten Schrecken meint Atha: „Wir radeln nur gemeinsam weiter, das steht mal fest.“ – „Aber ihr könnt doch weiterfahren! Und ich komme mit dem Zug nach...“ – „Nee, das ist doch Käse. Gemeinsam oder gar nicht.“ Katerstimmung. Da entdeckt Olli die Apotheke direkt neben der Eisdiele. „Naja, einen Versuch ist es vielleicht wert – ich frag mal, ob die mir helfen können.“ Atha und ich schlürfen bedröppelt unseren Kaffee weiter, bis Olli schließlich mit einer kleinen Schachtel zurückkehrt. „Ich habe mir jetzt mal was gegen Magenschleimhautentzündung geben lassen. Vielleicht hilft’s ja...“

Wir einigen uns darauf, dass Atha und ich die heutige Etappe trotzdem ohne Olli beenden und er mit dem Zug nachkommt – in der Hoffnung, dass die Tropfen bis morgen früh was ausrichten können und er wieder einsatzbereit ist. Das heutige Ziel lassen wir offen: „Wir fahren jetzt erstmal bis Gmund am Tegernsee und gucken dann, ob wir es noch bis nach Schliersee schaffen“, schlage ich nach einem Blick auf die Karte vor. „Okay“, Olli guckt schon wieder zuversichtlicher drein, „ich besorge mir was zu lesen, und ihr ruft dann an.“
Uns im Geiste die Daumen drückend – denn praktisch ist das auf dem Fahrrad eher ungünstig –, machen Atha und ich uns also wieder auf den Weg. Hierfür schieben wir die Räder bis zum Ende der Fußgängerzone hinauf und fahren dann Richtung Ortsausgang. Keine besonders spaßige Sache – der Verkehr auf der radweglosen, engen Straße ist nervig und der Außenbezirk von Bad Tölz erstaunlich hässlich. Schöner wird’s wieder, als wir uns schließlich auf der nur sanft hügeligen Strecke Richtung Gmund befinden. Den hübschen Ort am Tegernsee erreichen wir etwa eine Stunde später. Es geht auf fünf Uhr zu, der Wegweiser verspricht verlockend: „Schliersee 20 km“. Es ist erstaunlich, wie sich Streckenverhältnisse auf so einer Tour verändern: Früher ein mittlerer Sonntagsausflug, sind 20 Kilometer jetzt nur mehr ein guter Endspurt. „Und, sollen wir?“, frage ich Atha. „Klar“, meint der und ruft Olli an, um ihm das heutige Ziel mitzuteilen.

Was wir zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht wissen: Dieser „Endspurt“ soll es noch einmal ganz gewaltig in sich haben! Nicht nur, dass wir erst einmal schnurstracks in die Pampa fahren (die bezeichnenderweise „Niemandsbichl“ heißt): Wieder mal hört die Beschilderung irgendwann auf, und wir wählen die uns einzig logisch erscheinende Möglichkeit, die natürlich prompt falsch ist – eine Anwohnerin bestätigt uns: „Da vertun’s sich oalle.“ Aber auch: „Noch Schliersee ist’s a ganz schön Bergauf-Bergob! Da müssen’s nüber“ – sie deutet auf die bewaldete Erhebung der Schlierseer Berge vor uns. Warum unsere Karte lediglich eine leichte Steigung und nur zum Schluss ein deftiges Gefälle anzeigt, bleibt das Geheimnis der Carto Travel Verlags. Na, was soll’s. Nach der ersten ordentlichen Rampe kommen wir an der Siedlung „Öd“ (einer der Hausberge heißt „Öder Kogel“ – oh mann, wie schwermütig müssen die ersten Anwohner hier gewesen sein?) vorbei, als zwei kleine Kuhhirtinnen von etwa drei und fünf Jahren ihre Herde an uns vorbeitreiben und uns energisch zum Warten auffordern. Als eine der Graubraunen kurz scheut, verliert die Jüngere die Nerven und brüllt. Keift die Große: „Du biss so bleed!“ Unauffällig hält Atha die köstliche Szene digi-filmisch fest, während ich mich krampfhaft um eine ernst-respektvolle Miene bemühe. Als das Kuhglockengebimmel dann in der Ferne verklingt, schwingen wir uns wieder auf und landen schließlich im Wald – und auf Schotter! Das hier hatte selbst die Karte der Spezis in Benediktbeuren nicht hergegeben, und auch nicht, dass es bei alledem teils wieder dermaßen bergauf geht, dass wir schieben müssen. Das ist Bizeps- und Wadentraining pur – die Satteltaschen ziehen das Rad, dessen Reifen sich tief in den Schotter wühlen, gnadenlos nach hinten... Anschließend geht es, wie prophezeit, bergab, was auf diesem Untergrund dazu führt, dass das Hinterrad beim Bremsen durchdreht. Doch, diese 20 Kilometer fühlen sich wirklich wie 20 Kilometer an... oder 30?

Ziemlich angestaubt und rechtschaffen groggy kommen wir gegen viertel vor sieben in Schliersee (Landkreis Miesbach und Heimatstadt von Ski-As Markus Wasmeier!) an, wo Olli am Bahnhof auf uns wartet. Wir erzählen von unserem Crosstraining, ehe wir gemeinsam das Quartier ansteuern, das Olli schon für uns klargemacht hat: „Huber am See“. „Und soll ich euch was sagen? Ich hab die Tropfen schon ausprobiert – mir geht’s echt besser!“, strahlt mein Brüderli. Hurra!!!

Und so schmeckt’s uns allen drei gleich doppelt so gut, als wir abends bei Sonnenuntergang direkt am See sitzen. Wir erzählen aus alten (Schul-)Zeiten und freuen uns unseres Radtourer-Lebens – denn jetzt sieht es ganz so aus, als könne Olli morgen wieder mitfahren. Im Moment bin ich allerdings froh, meine Beine unter den Biergartentisch strecken zu können – denn die tun zum ersten Mal so richtig weh... Später versacken wir noch ein bisschen in einem Café im hübschen Stadtkern. Übrigens ist es gerade einen Tag her, dass Bär Bruno hier in unmittelbarer Gegend seinen Mörder traf – Tagesgespräch scheint das in Schliersee allerdings nicht zu sein. Dafür erfahren wir in den Spätestnachrichten, dass Unwetter über Bayern gemeldet sind...

 
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