Radreise - 3. Tag

Radreise

Fotos: Papoulias/Biber

Wasser marsch - oder Wasser-Marsch?

Nesselwang - Bad Kohlgrub, 66 km, 515 Höhenmeter

Wie gut man auf so einer Radtour schläft! Und zum ersten Mal hab ich auch im Traum auf dem Drahtesel gesessen – hier allerdings ohne jegliche physischen Tücken. Die holen mich erbarmungslos Stunden später ein, als ich die Treppe zum Frühstücksraum runtergehe: Guten Morgen, Oberschenkel! Gegen halb zehn sind wir startklar, und siehe da – nach den ersten paar Kilometern scheint die Bleihülle von meinen Beinen verschwunden zu sein. Es rollt wieder! Die Sonne hat sich erneut den Himmel reserviert, es wird sehr schnell sehr warm.Inzwischen befinden wir uns übrigens schon im dritten Landkreis: OA, für Ostallgäu. Der Weg Richtung Eisenberg hält wieder den einen oder anderen Anstieg bereit, im ganzen aber nichts, was uns vom Sattel haut. Das tut da schon eher die Landschaft, die sich nun zunehmend wandelt: Es wird langsam "alpiner", die Berge schroffer und höher, das Tannheimer Gebirge kommt in Sicht. Traumhaft! Wir radeln durch Hopferau und erreichen Hopfen am See am – irgendwie logisch – Hopfensee, seinerseits ein wunderschönes Städtchen. Wir machen Trink-/Müsliriegel-Pause, und ich erwäge, meinen Altersruhesitz in dieses herrliche Fleckchen Deutschlands zu verlegen... flugs sind ein paar entsprechende "Appetizer" für die Familie geknipst ;-). Und schon geht's weiter Richtung Füssen, das wir am frühen Mittag erreichen. Hier verfransen wir uns erst einmal in der Stadt, da die Radwegbeschilderung erneut lausig ist – gut, dass wir unsere Karte und Athas Navi haben. "Wie wär's mit 'nem Kaffee?", fragt Olli nach der kleinen Odyssee. Prima Idee! Die kleine Pause zieht sich schließlich ein wenig in die Länge – nicht zuletzt, weil uns in dem italienischen Café eine türkische Austauschkellnerin bedient, bewaffnet mit einem Kärtchen, auf dem vorsorglich erwähnt steht, dass sie uns nicht verstehen werde. Wir fühlen uns an Loriot erinnert: Ein Deutscher, ein Däne und ein Holländer... ;-)Wir lassen den Forggensee quasi links liegen, überqueren den Lech, der sich an dieser Stelle ziemlich schlammig-braun präsentiert, und kommen über einen wunderschönen Radweg durch den Wald schließlich nach Schwangau. Hier tummeln sich erwartungsgemäß jede Menge Touristen, und auch wir lassen es uns nicht nehmen, das Schloss Neuschwanstein droben auf der Anhöhe ausgiebig zu bewundern und zu fotografieren.


Über die "Romantische Straße" (oh ja, sie macht ihrem Namen durchaus Ehre!) fahren wir anschließend weiter nach Bayerniederhofen, einem winzigen, verschlummerten Ortsteil Halblechs, wo wir im einzigen offenen Café zur Mittagspause einkehren. Ich brauche ganz, ganz dringend Kohlehydrate – zumindest deute ich so meinen Heißhunger auf was Süßes. Und während Atha und Olli sich mit Suppe und Knackwurst eher um ihren Salzhaushalt kümmern, verdrücke ich ein Riesenstück Käsesahnetorte: nährwerttechnisch ein Frevel, doch in diesem Moment das Größte. Und die "Bombe" soll mich später tatsächlich gut voranbringen!

Während wir uns noch laben, wird es schier unerträglich schwül, und im Westen braut sich über den Bergen eine schwarze Wolkenwand zusammen. Beunruhigt mahne ich zur Eile: "Vielleicht können wir dem Gewitter ja wegfahren?" Olli grinst nur – klar, Schwesterchen! Und tatsächlich, obwohl wir kräftig in die Pedale treten, holt uns das Unwetter in Oberreithen ein, und wir stellen uns an einer Kapelle unter – der liebe Gott meint es gut mit uns... Mann, das hat was: Innerhalb von Minuten ist der Himmel duster, ein kräftiger Wind kommt auf, und es beginnt wie aus Eimern zu schütten. Dazu perfekt gezeichnete Blitze und dumpfes Krachen, hektisches Kuhglockengebimmel in der Ferne, weit und breit keine Menschenseele... eine Dreiviertelstunde dauert das Schauspiel, bis der Regen allmählich nachlässt.
Zunächst ist es recht frisch, aber schon wenig später blitzt die Sonne wieder hervor und bringt die Straßen zum Dampfen – und uns bald ebenfalls. Nicht zuletzt, weil hinter der Ortschaft Schober eine "Kfz-freie" Wegstrecke beginnt, die sich als elend lange, grobe Schotterpiste entpuppt. Das Geröll ist teilweise so zäh, dass wir meinen, überhaupt nicht vom Fleck zu kommen; zudem hat der Regen manchen spitzen Stein freigespült, so dass wir höllisch aufpassen müssen. Mehr als einmal verfluchen wir die Radweg-Verantwortlichen – der Hammer kommt aber erst noch, als wir nämlich vor einem Flüsschen stehenbleiben, das durch die Wassermassen von oben ordentlich an Breite und Stärke gewonnen hat. Und jetzt? – Na, hilft ja alles nichts. Ich mache den Anfang, schaffe es tatsächlich irgendwie, auf die Steine in dem Sturzbach zu springen und sogar mein Fahrrad mitzuschleifen. Lediglich mein linker Fuß ist hinterher patschnass. In dem Moment kommt aus der Gegenrichtung ein Mountainbiker, stoppt, schultert sein Rad und marschiert schnurstracks durch den Bach. "So geht das", grinst er, "und übrigens: Da hinten kommt noch so 'ne Stelle!“ Betretenes Schweigen. Dann schnappt sich Atha sein Rad und tut es dem alten Hasen gleich: Er stiefelt beherzt durch die Fluten. "Das trocknet schon wieder", kommentiert er seine vor Nässe quietschenden Schuhe. Ollis handtaschenleichtes Rennrad ist zum Glück schnell herübergereicht. Der zweite Fluss hält noch eine Extra-Schikane bereit: Hier gibt’s nicht mal eine Furt, und wir müssen springen. Aber immerhin: Wir sind drüben!

Trotzdem haben wir allmählich die Nase voll von dieser ekligen Schotterstrecke, die nun wirklich nicht mehr unter Radweg, sondern nur noch unter Zumutung fällt. Obendrein spart die Mörderpiste auch nicht mit Bergauf-/Bergabpassagen. Laut Karte müssen wir es jetzt bald geschafft haben. Plötzlich macht es hinter mir "Peng-zschschsch!". Hm, entweder hat einer der Jungs eine frische Flasche Apfelschorle aufgemacht. Oder... "SCHEISSE!!!!" Alles klar: Olli hat plattgefahren! Vorne. Mein Bruderherz tobt. "Das darf doch echt nicht wahr sein! Die kriegen 'nen verdammt bösen Brief", geht er auf die Leute vom Radtouristikverband los. Recht hat er: Bei diesem Teilstück wird es echt zur Glückssache, ob das Gummi durchhält oder nicht. Da besteht Verbesserungs- beziehungsweise Umleitungsbedarf, liebe Radwegmacher!

Nolens volens schieben wir gemeinsam die letzten anderthalb Schotterkilometer, bis wir wieder glatten Asphalt unter den Rädern haben. Praktischerweise befindet sich hier in Unternogg auch ein ehemaliges Forst- als heutiges Gasthaus, und nachdem Olli im Schweiße seines Angesichts und geplagt von den fiesen Stechfliegen, die im nachgewitterlichen Klima aufdrehen, den neuen Schlauch aufgezogen hat, setzen wir erstmal die durstigen Kehlen unter Wasser. "Den Mantel hat's auch erwischt", bestätigt Olli seine Befürchtungen. "Die ganze rechte Flanke ist gerissen. Lasst uns erstmal ganz vorsichtig weiterfahren."

Und so rollen wir ziemlich gemäßigt weiter bis Altenau, überqueren die Ammer und schaffen es dank der guten Wegbeschaffenheit sogar noch bis Bad Kohlgrub. Der Schlauch in Ollis Vorderrad beginnt sich wie ein kleiner Luftballon durch den Mantel zu drücken. "Das hat keinen Zweck mehr", meint er. "Da muss ein neuer Mantel her." In Bad Kohlgrub selbst gibt es keinen Fahrradladen, wohl aber in Murnau, der nächstgrößeren Stadt. Und da es schon wieder auf den Abend zugeht, beschließen wir, in Bad Kohlgrub zu übernachten und morgen früh nach Murnau weiterzufahren – Atha und ich per Rad, Olli per Bahn.
Ach ja: Landkreis Nummer vier ist erreicht! Die Autos führen hier „GAP“ für „Garmisch-Partenkirchen“ im Schilde.

Wir kommen im Gästehaus "Alpenblick" der Familie Krippner unter. Die nette Gastwirtin – übrigens Montenegrinerin mit herrlich bairischem Dialekt – führt uns in den sehr verschachtelten Gästebereich und zu unseren Zimmern, die recht einfach, aber okay und vor allem auch mit Fernseher ausgestattet sind, denn erstmal ist wieder Fußball (Brasilien-Ghana) angesagt. "Zum Oabendessen empföhl i Eana den Roatskeller", sagt Frau Krippner. "Do kamma sehr gut essn." Und so marschieren wir gegen halb acht das Örtchen hinauf und lassen uns in dem netten Biergarten eben jenes Ratskellers nieder. Ein sehr fröhliches junges Mädel bringt uns die Speisekarte, auf der Schmankerl stehen wie "Aufg'schmolzene Bier-Brez'n-Suppe", "Zwiebelrostbraten vom Almochsen mit Speck-Bratkartoffeln", "Handg'schabte Kässpatzen mit Vitaminschlag" oder "Zimtiges Weißbiertiramisu" für "alle G'schleckerten". No denn – haut’s nei!

Zum WM-Spiel um 21 Uhr kehren Olli und Atha noch „beim Ludwig“ ein, während ich nur noch die Beine hochlegen will. Die fühlen sich ein bisschen wie Gummi an, als ich Bad Kohlgrub wieder hinabgehe. Was hatte Olli gesagt? Eine Panne gibt’s mindestens, das war auf jeder Radtour so. Na, dann kann’s aber andersherum auch sein, dass es bei diesem einen Plattfuß bleibt. Schaumer mal!
Wann ich zuletzt beim „Heute-Journal“ eingeschlafen bin, weiß ich auch nicht mehr...
 
Weiter zum Teil 4 des Reiseberichts