Radreise - 2. Tag

Radreise

Fotos: Papoulias/Biber

Von Schlauchautomaten und Rumpelstilzchen

Grünenbach-Schönau – Nesselwang, 65,2 km, 750 Höhenmeter

Das Frühstück im Prestelhof ist – wie uns einige der Gästebuchschreiber bereits prophezeit haben – sehr gut! Um 7.45 sitzen wir am reich gedeckten Tisch in „Omas guter Stube“ – in diesem Fall kein Marketinggag, sondern Tatsache, denn Herrn Prestels Schwiegermama wohnt im Erdgeschoss des Gästehauses. Die Decken des kuscheligen Raumes sind für Leute über 1,90 Meter beulenträchtig. Wir machen uns über die frischen Brötchen her – „die hat mei Frau heut früh nach der Nachtwache mitgebracht“, erzählt Herr Prestel, der sich noch ein bisschen zu uns gesellt. Er selbst müsse sich auch gleich zur Arbeit verabschieden. Junge, Junge – Gästehaus, Job, ein Dutzend Kühe und bei alledem eine so freundliche Gelassenheit: Hier ist man noch belastbar!

Gegen halb zehn sind wir startklar. Mit der Erwartung, mich gleich zumindest vorübergehend wie ein versohlter Pavian zu fühlen, lasse ich mich vorsichtig auf dem Sattel nieder. Doch oh Wunder – tut ja gar nicht weh!  

Gutgelaunt radeln wir los. Olli geht’s recht gut, und die Temperatur ist sehr angenehm. Wir steuern Oberstaufen als nächste größere Stadt an. Der Weg führt uns durch das Örtchen Stiefenhofen, das erneut „ein paar“ Meter höher liegt als Grünenbach-Schönau – auf gut deutsch: Bis zum Ortseingangsschild haben wir einen zwei Kilometer langen Anstieg mit Steigungsspitzen von bis zu 16 Prozent vor uns. Aber der Tag ist jung und wir noch frisch, und wir gehen jetzt ganz tapfer davon aus, dass wir zwei Drittel aller Höhenmeter in den ersten drei Tagen abreißen werden.Übrigens haben wir inzwischen den Landkreis Lindau (LI) hinter uns gelassen und befinden uns im Revier der Fahrzeuge mit dem Kennzeichen OA (Oberallgäu). Wir durchradeln Ranzenried und Genhofen, dann erreichen wir Oberstaufen – ein Städtchen, das genauso gemütlich-schwäbisch ist, wie es klingt. Die Sonne steht schon wieder hoch über den typischen Häusern mit ihren weißen Fassaden und den dunkelbraun gestrichenen, geranienstrotzenden Holzbalkonen.

An einem Supermarkt decken wir uns großzügig mit Apfelschorle, Müsliriegeln und Keksen ein – auf den Sportler-Evergreen, die Banane, verzichten wir, nachdem wir tags zuvor Zeugen eines gruselig rasanten Reifungsprozesses geworden sind. Dafür packt Atha sich einen Liter frische Vollmilch in die Satteltasche: „Die schmeckt hier im Allgäu einfach so gut!“ Ich befürchte bloß im Stillen, dass sich ob der Temperaturen spätestens in Immenstadt – das wir für unsere Mittagspause auserkoren haben – nur mehr Brocken in der Tüte befinden...

Auf jeden Fall können wir’s jetzt erstmal wieder locker gehenlassen, der Radweg Richtung Immenstadt ist verhältnis- mäßig eben, tendenziell sogar abschüssig. Wir kommen an einem Fahrradladen vorbei, und ich besorge mir den Ersatzschlauch, dessen Nichtvorhandensein mir bis hierher beunruhigend im Hinterkopf herumspukte. Draußen am Laden hängt sogar ein Automat für Fahrradschläuche – gute Idee! Gleichwohl verkneife ich mir den Jungs gegenüber die Bemerkung, dass man doch so manchen Zigarettenautomaten gegen ein solches Radler-Notfall-Gerät tauschen könnte...

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