Die 5-Millimeter-Revolution

Pille

Pixelio/Hartmut910

Liebespaar

Pixelio/Johanna Bieber

 

Die Antibabypille feiert 50. Geburtstag

„Enovid“ hieß das kleine, runde Ding, das am 9. Mai 1960 in den USA für eine Revolution sorgen sollte: Zuvor als unschuldiges Tablettchen gegen Menstruationsbeschwerden auf dem Markt, sollte die Hormonkugel nun dafür sorgen, dass Frauen keine Angst mehr vor einer ungewollten Schwangerschaft haben mussten – und dass die Moralhüter gleich in Scharen auf die Barrikaden gingen.

Ein Jahr nach der Zulassung in Amerika sollte die „Pille“ auch in Deutschland ihren Siegeszug antreten: Das Präparat der Berliner Schering AG war grün, 140 Milligramm schwer und trug den Namen „Anovlar“. Das Wirkungsprinzip ist im Grunde bis heute das gleiche: Mit einer Kombination aus den weiblichen Geschlechtshormonen Östrogen und Gestagen wird der Eisprung verhindert, also quasi der Monatszyklus ausgetrickst. Das Ganze war derart revolutionär, dass „Anovlar“ zunächst einmal nur verheirateten Frauen verschrieben wurde. Dennoch liefen konservative Vertreter aus Kirche und Staat Sturm, sprachen von unduldbaren Eingriffen in den Schöpfungsakt und sahen Sitte wie Anstand den Bach runtergehen.
Die Frauenbewegung und die 68er jedoch feierten das Dragée als Wegbereiter für die sexuelle Befreiung, und bald schon war es quasi in aller weiblicher Munde. Dies führte Anfang der 70er Jahre zum so genannten „Pillenknick“: Die Zahl der Geburten brach deutlich ein – und hält sich bis heute mehr oder weniger auf diesem Niveau. Ein Effekt, der in der damaligen DDR übrigens ausblieb: Hier wurde das Präparat „Ovosiston“ als „Wunschkindpille“ propagiert; die vom Staat garantierten Kinderkrippenplätze taten ein übriges.


Heute verhüten rund 100 Millionen Frauen weltweit mit der „Pille“. Die Hormonbombe der 60er ist dabei längst passé, so genannte Mini- oder Mikropillen kommen mit einem Minimum der damaligen Wirkstoffe aus. Die Fülle von Präparaten ermöglicht jungen Mädchen und Frauen quasi eine „maßgeschneiderte“ Einnahme. Unumstritten ist die Pille allerdings noch immer nicht, was ihre Nebenwirkungen angeht: Die Präparate „Yaz“ und „Yasmin“ machten unlängst Schlagzeilen, weil sie mit Lungenembolien in Verbindung gebracht wurden. Wissenschaftler befürchten außerdem, dass die Hormone ins Ökosystem gelangen und so etwa männliche Fische weiblich Merkmale ausbilden könnten.


Und nicht zuletzt ist da der allerärgste Feind der „Pille“: die katholische Kirche. 1968 veröffentlichte der damalige Papst Paul VI die Enzyklika „Humana Vitae“, welche den Gläubigen jegliche Form der Empfängnisverhütung verbietet. Begründung: Der sexuelle Akt sei nur dann sittlich gut, wenn er der Fortpflanzung diene. Eine These, an der die Kirche bis in unsere heutige Zeit festhält – mehr denn je fragt man sich, warum.


Wie dem auch sei: Allen Diskussionen zum Trotz ist die „Pille“ nach wie vor Verhütungsmittel Nummer eins – und das einzige, das den faszinierend-verbotenen Ruch der „Revolution“ für sich beanspruchen darf. Wir sagen: Herzlichen Glückwunsch!



8. Mai 2010